Ein Anstieg der Finanzierungskosten dürfte für Italien kein Problem darstellen – Interview mit Maria Luisa Matarrelli

Wirkt sich die Zinswende der EZB auf italienische Anleihen und die Schuldentragfähigkeit des Landes aus? Maria Luisa Matarrelli, Head of Developed and Emerging Government Bonds and Forex bei Eurizon erwartet zwar eine Beruhigung hinsichtlich der Volatilität der Renditen im Euroraum, warnt aber zugleich vor einer Unruhe im politischen Umfeld. 

Nach der starken Spread-Ausweitung bei italienischen Staatsanleihen im Juni hatte sich die Lage zunächst beruhigt, zuletzt gingen die Spreads wieder auseinander. Welche weitere Entwicklung ist nun zu erwarten?

Es gibt zwei Faktoren, die den Spread-Trend in den kommenden Monaten beeinflussen werden: das Anti-Fragmentierungs-Instrument der EZB und die lokale politische Situation, die komplizierter wird als erwartet. Was das Instrument des Transmissionsschutzes angeht, so hat die EZB unserer Meinung nach einen kohärenten Mechanismus geschaffen, der die Funktion als “lender of last resort“ für alle Staaten in der Region gewährleistet. Was die politische Lage in Italien betrifft, so werden in der zweiten Jahreshälfte 2022 vorgezogene Wahlen stattfinden. Die geopolitische Lage und die sehr wichtige Arbeit, die die Regierung leisten muss, um das Potenzial des Konjunkturprogramms voll auszuschöpfen, machen es erforderlich, dass sie so bald wie möglich voll funktionsfähig ist. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass der Aufbauplan “Next Gen EU” die politische Landschaft in Italien gegenüber den europäischen Institutionen stark verändert und die Anti-Euro-Töne stark abgekühlt hat.

Macht dies italienische Staatsanleihen zu einer attraktiven Anlage für Investoren?

Im Jahr 2022 verhielten sich italienische Staatsanleihen (BTP) wie eine Durationsanlageklasse, mit einer höheren Sensitivität gegenüber dem Bund als gegenüber dem Unternehmensspread, und auch die Renditekurve blieb recht steil. Einerseits könnten der Beginn des Straffungsprozesses und die Einführung des Anti-Fragmentierungsinstruments die Märkte beruhigen und die Volatilität der Renditen im Euroraum verringern, während die italienischen Staatsanleihen auch durch ein sehr geringes positives Nettoangebot bis zum Jahresende unterstützt werden. Andererseits ist bereits eine Zunahme der Volatilität aufgrund des politischen Umfelds zu beobachten.

Wie hat sich die Nachfrage nach italienischen Staatsanleihen in letzter Zeit entwickelt?

In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der von ausländischen Anlegern gehaltenen Anleihen um mehr als 10 Prozent auf 29 Prozent gesunken, der Anteil der von inländischen Anlegern gehaltenen Anleihen ist ebenfalls auf 40 Prozent gesunken und wurde durch Käufe der Europäischen Zentralbank ersetzt, die etwa 31 Prozent der italienischen Anleihen hält. Betrachtet man die taktischeren Positionierungsindikatoren für Terminkontrakte, so zeigt sich, dass die Positionierung mit der Untergewichtung italienischer BTP in globalen Anleiheportfolios übereinstimmt.

Wie wird sich der Trend zu steigenden Zinssätzen auf die Tragfähigkeit der italienischen Schulden auswirken?

Die durchschnittliche Laufzeit italienischer Schuldtitel hat sich von rund 6 Jahren im Jahr 2013 auf derzeit 7 Jahre erhöht. Dies bietet einen guten Schutz für das italienische Schatzamt, da es die Anfälligkeit der Schuldenkosten aufgrund eines vorübergehenden Anstiegs der Renditen verringert. Die durchschnittlichen Kosten der Verschuldung sind auf 2,40 Prozent gesunken, und ein Anstieg der Finanzierungskosten dürfte in den kommenden Jahren kein Problem für die Nachhaltigkeit darstellen. Im Jahr 2022 dürfte die hohe nominale Wachstumsrate trotz eines Primärdefizits zu einem Rückgang des Verschuldungsgrads im Verhältnis zum BIP führen. In den nächsten Jahren, wenn das nominale Wachstum den Kosten der Verschuldung entspricht, wird ein kleiner Primärüberschuss ausreichen, damit die Verschuldung tragfähig ist. Italien hat eine gute Erfolgsbilanz bei der Aufrechterhaltung eines Primärüberschusses über viele Jahre hinweg, außer in den Jahren der Pandemie.

Wie geht die italienische Wirtschaft mit den aktuellen Herausforderungen um, die sich aus der hohen Inflation, den steigenden Zinssätzen, den teureren Rohstoffen und dem Krieg in der Ukraine ergeben?

Das verarbeitende Gewerbe hat sich als sehr widerstandsfähig erwiesen, und die vom Nationalen Institut für Statistik (ISTAT) berechneten Vertrauensindizes der Unternehmen zeigen Anzeichen von Stabilität. Es wird erwartet, dass die italienische Wirtschaft im Jahr 2022 mit einer realen Rate von fast 3 Prozent wachsen wird, während sie sich im Jahr 2023 aufgrund des Energieschocks, des Rückgangs der weltweiten Nachfrage und der Verschärfung der finanziellen Bedingungen abschwächt. Die Umsetzung des nationalen Konjunkturprogramms könnte die Aussichten für das italienische Wachstumspotenzial verbessern.