Ausblick auf das zweite Halbjahr 2022: Verlieren Aktien mit steigenden Zinsen ihre Alternativlosigkeit?

Das war schon ein außergewöhnlich scharfer Ritt talwärts, den Anleger in der ersten Jahreshälfte durchzustehen hatten. Nicht nur an den Aktienmärkten, auch bei Anleiheninvestments ging es mit den Kursen mehr oder weniger kontinuierlich bergab. Die marktbreiten Aktien-Indices der Industrieländer lagen zur Jahreshälfte nahezu gleichauf mit rund 20 Prozent im Minus, die großen Technologiewerte hat es in vielen Fällen sogar noch deutlich härter getroffen. Und nach rund einem Jahrzehnt, in dem die Kurse von Anleihen eigentlich nur den Weg nach oben kannten, mussten Investoren erstmals wieder zur Kenntnis nehmen, dass auch der Rentenmarkt keine Einbahnstraße ist. Bundesanleihen mit einer Laufzeit zwischen fünf und zehn Jahren gaben im Schnitt um knapp zehn Prozent nach, bei US-Treasuries im gleichen Segment betrug das Minus sogar zwölf Prozent. 

Im Grunde kann sich darüber auch niemand wundern, wenn man bedenkt, dass wir aktuell in einer Art „Multi-Krisen-Zeit“ leben. Die Stichworte sind bekannt: Zu einem weiter wütenden Krieg in der Ukraine und einer nach wie vor nicht besiegten Corona-Pandemie gesellen sich zusätzlich Lockdowns in China, Lieferengpässe für Unternehmen sowie nicht zu vergessen galoppierende Teuerungsraten und deutlich gestiegene Energiepreise hinzu. Einem solchen Stresstest waren die Volkswirtschaften weltweit im Grunde noch nie in der Geschichte ausgesetzt. Als wäre das nicht schon genug kommen als zusätzliche Belastung steigende Zinsen hinzu, an denen kein Weg mehr vorbeiführen wird, weil die Notenbanken sich gezwungen sehen, die Inflation in den Griff zu bekommen. Die politischen wie auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten gleichen in diesen Tagen einer Art Liste des Schreckens.

Aktienmärkte: Die Rückkehr der Value-Werte

Immer häufiger wird mit Blick auf die weitere Entwicklung im zweiten Halbjahr das Schreckgespenst einer weltweiten Rezession an die Wand gemalt. Substanzorientierte Asset Manager sehen darin aber keinen Grund zum Verzweifeln, im Gegenteil. Mancher Marktteilnehmer sieht in steigenden Zinsen und einer nachlassenden wirtschaftlichen Dynamik eher ein klares Anzeichen für eine Trendwende weg von sogenannten Growth- hin zu Value-Titeln. Aktien-Altmeister Peter E. Huber erwartet deshalb in den kommenden Monaten gute Kaufgelegenheiten für antizyklisch agierende Investoren. Für Huber ist klar: „Aktien kauft man bekanntlich am besten in einer Rezession, wenn die Unternehmensgewinne sinken.“

Zinsanlagen: Falsche Hoffnung oder Volatilitätsdämpfer?

Dennoch muss angesichts weiter steigender Zinsen die Frage erlaubt sein, ob Aktieninvestments nicht Gefahr laufen, ihre Alternativlosigkeit zu verlieren, die sie in den vergangenen Jahren ohne Zweifel gehabt haben. Zumal einige Akteure angesichts des bereits erreichten höheren Zinsniveaus in Verbindung mit gleichzeitig gestiegenen Spreads – das ist der Zinsaufschlag, den Unternehmen im Vergleich zu Staaten ihren Investoren bieten müssen – schon wieder die Chance wittern, trotz einer extrem hohen Inflation unterm Strich eine positive Realrendite erzielen zu können. Das mag in Einzelfällen so sein, Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba, warnt aber vor allzu hohen Erwartungen. „Die Kapitalmarktzinsen beispielsweise für zehnjährige Bundesanleihen oder Pfandbriefe dürften sich auf einem Niveau von zwei bis drei Prozent einpendeln“, so die Ökonomin. „Damit wären sie allerdings nicht viel höher als die zu erwartende Inflation in den kommenden Jahren.“ Real, also inflationsbereinigt, ließe sich somit auch in Zukunft nicht viel hinzugewinnen.

Wie gehen Anleger mit der explosiven Gemengelage um?

Investoren tun daher gut daran, auch künftig auf die Aktie als Ertragsbringer zu setzen, soweit der jeweilige Regulierungsrahmen das zulässt. Andererseits gewinnt die zuletzt arg gebeutelte Anlageklasse der Rentenpapiere aufgrund der gestiegenen und sicher noch weiter steigenden Renditen durchaus wieder an Attraktivität. Insbesondere in einem Multi-Asset-Portfolio werden Anleihen in Zukunft für das Volatilitätsmanagement wieder deutlich wichtiger werden. 

Damit ist auch im Grunde das wichtigste Stichwort genannt, an dem sich Investoren in der aktuell schwierigen Gemengelage orientieren sollten: Diversifikation als Absicherung gegen eine anhaltend hohe Volatilität. Flexibilität wird dabei zu einer Art Schlüssel, um sich in einem Umfeld zu positionieren, in dem jede kleinste Veränderung die Marktstimmung dramatisch beeinflussen kann.